Aikikai Nürtingen e.V.

     


Aikido, die Primaballerina der Kampfkünste

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ Sogaku Takeda, der 32. in der Linie der Samurai-Familie der Takeda, deren Familienkampfsystem wieder neu erstehen. Er eröffnete in Hokkaido eine Schule für das "Daito-Ryu".

Diese Schule besuchte Morihei Ueshiba. Der am 14.12.1883 geborene Ueshiba besaß schon Erfahrungen mit anderen Kampftechniken. Bereits im Alter von dreizehn Jahren erlernte er das Ju-Jutsu der "Kito-Ryu" und beschäftigte sich intensiv mit dem Speer- und Schwertfechten. Aber aufgrund seiner eher schwächlichen Konstitution erschienen ihm all die Systeme zu hart und kraftbetont. 1919 schloss er die "Daito-Ryu" Schule ab in dem Bewusstsein, ein System erlernt zu haben, welches zwar „weicher“ war als die ihm bereits bekannten, das seinen Vorstellungen aber dennoch nicht voll und ganz entsprach.

Ueshiba verließ Hokkaido und traf in Ayabe (einem Bezirk Kyotos) Deguchi Onisaburo, das Oberhaupt der "Omoto-Kyo". Diese Sekte hatte shintoistische und taoistische, teilweise auch zen-buddhistische Ansichten, zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht.

Durch diese Begegnung wurde Ueshiba klar, was er in allen Kampfsystemen seit Jahren vermisst hatte: Das philosophische und pädagogische Element schien nicht deutlich genug hervorzutreten. Die Hauptbegriffe der "Omoto-Kyo", wie Einheit von Körper und Geist, Lebensenergie und kosmische Vitalität, übten auf Ueshiba großen Einfluss aus. Er ließ sich in Ayabe nieder, um Kontakt zu Deguchi zu halten.

Nach Jahren der Gespräche, der Meditation und der Besinnung soll Ueshiba eine Erleuchtung erlebt haben. Ob damit so etwas wie "Satori" (Erleuchtung im Zen-Buddhismus) gemeint ist oder eine Form von Selbsterkenntnis, wie wir sie von christlichen Mystikern kennen, wird nicht berichtet. Auf jeden Fall hat dieses Erlebnis Ueshiba zutiefst berührt und beeinflusst. Wenn er selbst davon sprach, sagte er, dass dieser Vorgang ihm eine umfassende Einsicht in die kosmischen Zusammenhänge und den Willen Gottes gegeben habe.

Von Stunde an übertrug er diese Erkenntnisse auf seine Vorstellung von Kampfsystemen (der Begriff „Kampf" ist seit diesem Zeitpunkt schon nicht mehr treffend) und entwickelte das Aiki-Jutsu weiter zum Aikido, dem Weg der Harmonie. Im Alter von 41 Jahren verließ Ueshiba den Kreis um Deguchi und ging nach Tokio, wo er 1927 seine eigene Schule "Kobukan" eröffnete.

Nach dem zweiten Weltkrieg gründete der Meister eine neue, größere Schule in Iwama bei Tokio. Hier lehrte er bis zu seinem Tod am 26.04.1969. Sein Sohn Kisshomaru trat in die Fußstapfen des 86-Jährigen und leitete das Kobukan-Dojo, ebenfalls bis zu seinem Tod.
Seitdem erfüllt sein Enkel Moriteru Ueshiba diese Aufgabe.

1948 wurde der japanische Aikido Verband (Aikikai) gegründet. Noch auf Anweisung Ueshibas verbreiteten mehrere seiner Meisterschüler Aikido in Amerika und dann auch in Europa.
Sehr wichtig für die Verbreitung des Aikido in Deutschland seit 1965 ist der in Düsseldorf unterrichtende Meister Katsuaki Asai (8. Dan Aikido).


Die Techniken des Aikido sehen einfach aus, sind aber nicht leicht zu erlernen. Meistens werden die Gegner durch einen Hebelgriff am Handgelenk in Kreis- oder Drehbewegungen gezogen. Die in diesen spiralförmigen Bewegungen entstehenden Zentrifugal- und Zentripetalkräfte bringen den Angreifer aus dem Gleichgewicht. Mit Hilfe eines weiteren Hebels (der oft auch entgegengesetzt zur Bewegungsrichtung angesetzt wird) oder durch einen Wurf wird der Gegner zu Boden gezwungen, wo er mit einem Arm- oder Handgelenkhebel kontrolliert werden kann.

Im Aikido ist die Bewegung ausschlaggebend, während Kraft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Tritte und Schläge werden im modernen Aikido nicht angewandt. Die wichtigsten Grundtechniken lassen sich in vier Wurfgruppen und in vier Halte-Hebel-Gruppen einteilen:

1.  
Shiho-nage
(Vier-Richtungs-Würfe)
2.  
Irimi-nage
(Eingangs- oder Eindrehwürfe)
3.  
Kaiten-nage
(Schleuderwürfe)
4.  
Kote-gaeshi
(Handgelenkaußendreh-Würfe)

Zu den Bodentechniken zählen:

1.  
Ude-osae
(Armstreckhebel)
2.  
Kote-mawashi
(Armdrehhebel)
3.  
Kote-hineri
(Handdrehhebel)
4.  
Tekubi-osae
(Drehhebel)

Zu diesen Grundtechniken gibt es eine große Anzahl von Variationen.


Im Aikido-Kampf ist die Situation beim Zugriff des Gegners sehr wichtig. Im Training werden deshalb Kamae, die Stellung zum Gegner, Ma-ai, die Entfernung zum Gegner, Irimi, das „Hineingehen“ in den Angriff und Sabaki, die kreisende Bewegung, besonders geübt.
Weiterhin wird die Aikido-spezifische Fallschule geübt, die rollende Bewegungen bevorzugt (im Gegensatz zu den im Judo dominierenden „harten“ Fallübungen, die durch seitliches Aufprallen und Aufschlagen mit dem gesamten Arm die Wucht des Sturzes „verteilen“ wollen).

Im traditionellen Ueshiba-Aikido gibt es keine öffentlichen Wettkämpfe, da Ueshiba der Meinung war, Begriffe wie „Sieg“ oder „Niederlage“ seien in seinem System überwunden. Tabellen, Punkte und Meisterschaften passen auch nicht zu einer Kampfkunst, die man bis zu einer Lebensphilosophie mit fast „psychotherapeutischem“ Charakter verinnerlichen kann, und die sich mit ihrer Tendenz zur Harmonie und Ruhe dann eher in die Nähe von autogenem Training rücken läßt als in die der Kampfsportarten.

Ähnlich wie beim chinesischen Tai-Chi mutet eine gute Aikido-Vorführung fast wie ein Tanz an. Eine Schulung im Aikido vermittelt ein ausgezeichnetes Körper- und Bewegungsgefühl. Ein wichtiger Aspekt des Aikido ist der Versuch, die Diskrepanz zwischen Körper und Geist aufzuheben, um dadurch die Einbettung in Natur und Welt zu erfahren. Das Ausführen der Aikido-Techniken soll helfen, die angestrebte Harmonie der Körperbewegung auch in eine geistige Ausgeglichenheit umzusetzen, aus der Aggressions- und Angstlosigkeit resultieren.

Morihei Ueshiba hat es auf faszinierende Weise geschafft, seine ursprünglichen Motive und Zielvorstellungen im Aikido zu verwirklichen. Die Aikido-Techniken sind so ausgelegt, dass sie sehr dosiert eingesetzt werden können. Es geht dem Aikido-Kämpfer nicht darum, einen Angriff möglichst hart und kompromisslos zu beantworten, denn er sieht in einem Gewaltakt eine Perversion natürlichen Verhaltens, die wiederum Folge irgendeiner Form von Disharmonie ist. Nach Ueshibas Forderung sollte der Aikidoka einem Menschen, der sich solchermaßen disharmonisch verhält, eher helfen, als ihn weiter zu schädigen.
Ueshiba war allerdings realitätsbezogen genug, um zu wissen, dass ein "totaler Pazifismus" dem natürlichen Instinkt des Menschen zur Selbstverteidigung widerspricht. Insofern sind die Aikido-Techniken darauf ausgerichtet, einem Angreifer nur so weit Schmerzen zuzufügen, wie es erforderlich ist, um sich selbst zu verteidigen und den Gegner unter Kontrolle zu behalten.

So stellt Aikido neben seinen schon genannten Vorzügen eine humane und trotzdem effektive Form der Selbstverteidigung dar, auch gegen bewaffnete Angreifer. Man muss jedoch darauf hinweisen, dass es leichter zu erlernende Selbstverteidigungssysteme gibt, die man im Ernstfall vielleicht schon nach ein oder zwei Jahren Training mit Erfolg einsetzen kann. Mit ein oder zwei Jahren ist es im Aikido jedoch nicht getan. In der Notsituation verlangen die komplizierten Kreisbewegungen sehr viel Erfahrung und Geschick. Das "weiche" Auffangen eines Angriffs und die Umsetzung in eine Drehbewegung erfordern schnelle Reaktion und ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, welches man "nur" schrittweise durch langjährige Übung erlangen kann. Einmal erlernt, stellt Aikido jedoch gerade auch für Frauen eine praktikable Selbstverteidigung dar, da der Kraftaufwand zur Ausführung der Techniken gering ist.

Die im Kampfsport bekannten Sätze

>> In der Kunst des Kämpfens handelt es sich nicht um Sieg oder Niederlage <<

>> Die Niederlage ist ein Sieg <<

sind im Aikido auf vorbildliche Weise verwirklicht.




Großmeister Morihei Ueshiba:

Kisshomaru & Moriteru Ueshiba: